MR Übersetzungsliteratur
im dt. Frühhumanismus

MRFHMarburger Repertorium zur
Übersetzungsliteratur im deutschen Frühhumanismus

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Viktor von Thun (bzw. seine Erben)

Viktor von Thun (*1445, †1487) wurde als viertes Kind von Anton I. von Thun und seiner zweiten Frau Dorothea von Gufidaun auf Burg Stein am Ritten (Südtirol) geboren. Seine höfische Erziehung erhielt Viktor am kaiserlichen Hof in Wien. Anfang der 1460er Jahre vermählte er sich in erster Ehe mit Elisabeth von Neideck. Nach deren Tod Ende der 70er Jahre heirate er Paula de Cavallis. Viktor erlangte im Sommer 1469 die Ritterwürde und unternahm 1470, im Beisein von Christof von Sparrenberg und Wolfgang von Lichtenstein, eine Pilgerreise ins heilige Land. Neben dem Burggrafenamt auf Säben, das ihm Bischof Georg von Brixen 1481 verlieh, hatte er von 1484-1487 auch das Amt des Hauptmanns an der Etsch inne, welches ihm Herzog Sigmund von Tirol übertrug, in dessen Umgebung Viktor von Thun mehrfach urkundlich erwähnt wird.

Viktor und seine Erben verfügten auf den drei sich im Familienbesitz befindenen Schlössern über einen bemerkenswerten Bestand an Büchern. Detaillierte Auskunft darüber gibt das Nachlassverzeichnis von 1487-1490, das offenbar nach Viktors Tod angefertigt wurde und das u.a. auch etliche tewtsche ausgedrugckte puecher erwähnt. Neben der älteren Heldenepik wie ain puech von der reckhend finden sich hier — offenbar in gedruckten Prosaversionen — hertzog Ernst und eine haystoria von Troyana. An Übersetzungen aus dem frühhumanistischen Kreis sind vertreten: das 'Ehebüchlein' des Albrecht von Eyb, Heinrich Steinhöwels 'Aesop' und die zente nouelle, eine Ausgabe von Boccaccios 'Decameron'. Hierbei dürfte es sich vermutlich um die erste illustrierte deutsche Ausgabe von Arigos Übersetzung handeln, die Anton Sorg 1490 unter dem Titel Cento Nouella auf den Markt brachte (= MRFH 20380; vgl. Bertelsmeier-Kierst [1988], S. 71).

Zur umfangreichen Bibliothek Viktors und seiner Erben zählten aber auch Handschriften, so auch ein 1488 auf Schloss Rocken (Südtirol) angefertigter Codex, der neben einem Bericht zur Krönung Kaiser Maximilians den 'Apollonius' Heinrich Steinhöwels zusammen mit einer Abschrift der 'Melusine' Thürings von Ringoltingen enthält.

Verf.: sl.

Besitzer von Handschriften:

Besitzer von Drucken:

Literatur:

Bertelsmeier-Kierst, C.: 'Griseldis' in Deutschland. Studien zu Steinhöwel und Arigo (GRM-Beiheft 8). Heidelberg 1988, S. 71.
Bertelsmeier-Kierst, C.: Übersetzungsliteratur im Umkreis des deutschen Frühhumanismus: Das Beispiel 'Griseldis'. In: Wolfram-Studien 14 (1996), S. 323-343, hier 337, Anm. 50.
Dörrer, A.: Mittelalterliche Bücherlisten aus Tirol. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen 51 (1934), S. 245-263, hier 256.
Fechter, W.: Das Publikum der mittelhochdeutschen Dichtung. Unveränd. reprograf. Frankfurt am Main 1935 (Nachdruck Darmstadt 1966), S. 46, 52, 68 u. 86.
Langer, E.: Mittelalterliche Hausgeschichten der edlen Familie Thun. Heft VI: Jakob II. und seine Familie. Wien 1909, S. 60ff.
Rich, R.: Mittelalterliche Hausgeschichte der edlen Familie Thun. Heft VII: Viktor I. und seine Familie. Wien 1910.
Terrahe, T.: Eine neue Handschrift der 'Melusine' Thürings von Ringoltingen. In: ZfdA 138 (2009), S. 50-52.
Terrahe, T.: Heinrich Steinhöwels 'Apollonius'. Edition und Studien (Frühe Neuzeit 179). Berlin / Boston 2013.

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Quelle: Trento (Trient), Biblioteca Communale, Cod. 1951, Bl. 105v

Version vom 17. 05. 2014 (MRFH). Permanent Link: mrfh.de/2600.