MR Übersetzungsliteratur
im dt. Frühhumanismus

MRFHMarburger Repertorium zur
Übersetzungsliteratur im deutschen Frühhumanismus

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Johannes Sträler (Straler, Streler)

Der Ulmer Jurist und Humanist Johannes Sträler (Straler, Streler), gest. 1516, studierte von 1478-80 an der erst kurz zuvor von Graf Eberhard im Barte gegründeten Universität Tübingen (Matrikel Tübingen S. 22) und promovierte später, vermutlich in Italien, zum Dr. jur. Trotz der Bitten König Maximilians (1486) und Graf Eberhards (1492) scheiterten zunächst seine Bemühungungen um Pfründe in Waiblingen, Konstanz, Rottweil und Ulm. Später wurde er Pfarrer von Türkheim (bei Geislingen). Von 1503 bis 1508 war Sträler — zusammen mit dem Humanisten und früheren Ratgeber Eberhards im Barte Johannes Reuchlin — Richter des Schwäbischen Bundes suevi foederis Triumvir); sein Bruder Bartholomaeus (gest. 1518) bekleidete das Amt des Bundesschreibers der Städte im Schwäbischen Bund.

Johannes Sträler war ein Enkel des Stadtarztes Dr. Hans Wirker (Würker), der von 1436-1450 als geschworener Arzt in Ulm wirkte, bis ihn Heinrich Steinhöwel in diesem Amt ablöste. Steinhöwles Nachfolger, der Ulmer Stadtarzt Johannes Stocker, ermunterte Sträler gegen Ende des 15. Jahrhunderts die Pestschrift seines Großvaters, das Regiment sich zů behieten vor der uergifftigenn vnrainen bösen Pestilentz zu kommentieren. Strälers Kommentar ist erhalten in einer größtenteils von ihm selbst geschriebenen humanistisch-medizinischen Sammelhandschrift (Augsburg, SStB, 4° Cod. 121), die auch Auszüge aus Heinrich Steinhöwels 'Büchlein der Pestilenz' überliefert und am Schluß das Wappen Strälers mit seinem Wahlspruch: Ferendum est καί ’ελπιστέον. Johannes Straler doctor etc. (Bl. 61v) enthält.

Johannes Sträler gehörte zum Tübinger Humanistenkreis, der in engerem Kontakt zu Graf Eberhard im Barte stand. Befreundet war Sträler mit Eberhards Räten, dem Humanisten Johannes Reuchlin und Martin Prenninger, Professor für kanonisches Recht in Tübingen und ein enger Freund Marsilio Ficinos, dem Begründer der Platonischen Akademie in Florenz. Später unterhielt Sträler auch enge Kontakte zu Johannes Casselius (Kessler) und dem Tübinger Professor für Dichtung und Rhetorik Heinrich Bebel, den Kaiser Maximilian I. 1501 in Innsbruck zum poeta laureatus krönte.

Mit Empfehlung Eberhards (i. Barte) und auf besonderen Wunsch von Johannes Reuchlin und Eberhards Kanzler Ludwig Vergenhans begleitete Sträler 1491-1492, Studenten, darunter den jüngeren Bruder Reuchlins, nach Florenz, wo sie Griechisch-Unterricht bei dem berühmten Demetrios Chalkondyles nahmen sowie Vorlesungen über Horaz, Vergil, Cicero und Quintilian hörten. Sträler trifft hier auch, wie er Reuchlin in einem Brief (Ep. 46) mitteilt, den 'göttlichen' (divinum) Giovanni Pico della Mirandola. Darüber hinaus schließt er Bekanntschaft mit Marsilio Ficino, der ihm für Graf Eberhard von Württemberg 1492 seine Schrift 'De comparatione solis ad deum' mitgibt und den Sträler im Augsburger Codex 121 seinen Lehrer (praeceptoris mei) nennt. Ob Johannes Sträler auch die lateinische Übersetzung der Pestschrift des Marsilio Ficino anfertigte (Kristeller S. 455), die er offenbar ebenfalls von seiner Italienreise mitbrachte und 1493 als ersten Text in die Augsburger Handschrift 121 aufnahm, bedarf weiterer Untersuchungen.

Neben Strälers deutschem Kommentar zur Pestschrift Wirkers und drei Briefen, die Sträler anläßlich seines Florenz-Aufenthaltes 1491 und 1492 an Johannes Reuchlin (Ep. 46, 48 u. 56) schrieb, ist als literarisch bedeutsam noch der Darmstädter Codex 2533 aus dem Jahre 1501 zu nennen. Er stammt vermutlich aus der ehem. Manderscheider Bibliothek und war einst im Besitz des württembergischen Rats und Humanisten Dr. Petrus Jacobi Arlunensis. Der Codex, offenbar ein Autograph Strälers, bietet: Antiquitates urbis Romae ac ceterorum locorum, eine Zusammenstellung antiker Inschriften. Sträler fertigte diese Handschrift auf Wunsch Jacobis an, wie ein der Inschriftensammlung vorangestellter Widmungsbrief Strälers an Petrus Jacobi vom 19. Dez. 1501 (Bl. 14v-15r) erhellt. Das Zusammentragen von Epithaphen und anderen antiken Inschriften, um "die Memoria der vergangenen Welt [...], das Überleben menschlicher Virtus" (Hernad/Worstbrock Sp. 615) zu bewahren, gehörte zu den großen Leidenschaften der Humanisten, wie auch Schedels umfangreiche epigraphische Sammlung zeigt.

Verf.: cbk.

Schreiber und Besitzer von Handschriften:

Literatur:

Beckers, H.: Handschriften mittelalterlicher deutscher Literatur aus der ehemaligen Schloßbibliothek Blankenheim. In: Die Manderscheider. Eine Eifeler Adelsfamilie. Herrschaft, Wirtschaft, Kultur. Katalog zur Ausstellung. Köln 1990, S. 57-82, insb. S. 76 (Nr. 64).
Dall'Asta, M. / Dörner, G. unter Mitwirkung von S. Rhein (Hgg.): Johannes Reuchlin Briefwechsel, Bd. I. 1477-1505. Stuttgart-Bad Cannstatt 1999, Ep. 46, 48 u. 56; ferner Kommentar, insb. S. 144f.; s. a. Ep. 43, 44, 65 u. 80, insb. Kommentar S. 259 (zur Darmstädter Hs. 2533).
Ficino = Marsilio Ficino: De comparatione solis ad deum. Prooemium (an Eberhard im Barte), Tübingen 1547, Bl. A6.
Ficino = Marsilio Ficino: Opera omnia, ND 1959, Bd. 1, S. 959 u. 966.
Geiger, G.: Die Reichsstadt Ulm vor der Reformation. Städtisches und kirchliches Leben am Ausgang des Mittelalters (Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm 11). Ulm 1971, S. 63f.
Geiger, L.: Johann Reuchlins Briefwechsel (Bibliothek des Literarischen Vereins CXXVI). Stuttgart 1875 (Nachdruck: Hildesheim 1962), Nr. 31, 33 u. 37.
Hermelink, H.:Die Matrikeln der Universität Tübingen. Bd. I: 1477-1600. Stuttgart 1906 (online), S. 22.
Hernad, B. / Worstbrock, F. J.: Schedel, Hartmann. In: 2VL 8 (1992), Sp. 609-621, insb. Sp. 614f.
Keil, G.: Wirker (Würker), Hans. In: 2VL 10 (1999), Sp. 1249-1251.
Kristeller, P. O.: Iter Italicum. Accedunt alia itinera. A Finding List of Uncatalogued or Incompletely Catalogued Humanistic Manuscripts of the Renaissance in Italian and other Libraries. Vol. III (Alia Itinera I). London / Leiden 1983, S. 455.
Kuhn, W.: Die Studenten der Universität Tübingen zwischen 1477 und 1534. Ihr Studium und ihre spätere Lebensstellung. 2 Bde (Göppinger akademische Beiträge 37/38). Göppingen 1971 Nr. 3537.
Ludwig, W.: Graf Eberhard im Bart, Reuchlin, Bebel und Johannes Casselius. In: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 54 (1995), S. 34-60, insb. S. 38f.
Mertens, D.: Eberhard im Bart und der Humanismus. In: Maurer, H.-M. (Hg.): Eberhard und Mechthild. Untersuchungen zu Politik und Kultur im ausgehenden Mittelalter (Lebendige Vergangenheit 17). Stuttgart 1994, S. 35-81, insb. S. 50f. (Anm. 74 u. 76).
Santifaller, L.: Die Preces primariae Maximilians I. Auf Grund der Maximilianischen Registerbücher des Wiener Haus, Hof- und Staatsarchivs. In: Festschrift zur Feier des zweihundertjährigen Bestehens des Haus, Hof- und Staatsarchivs. Bd. 1 (Mitt. d. Österr. Staatsarchivs Erg.Bd. 2). Wien 1949, S. 578-661, Nr. 660, 1134 u. 1438.
Terrahe, T.: Heinrich Steinhöwels 'Apollonius'. Edition und Studien (Frühe Neuzeit 179), Berlin (u.a.) 2013, S. 28.
Verde, A. F.: Lo Studio Fiorentino. 1473-1503. Ricerche et Documenti. Vol. III,1. Pistoia 1977 S. 501.
Weyermann, A.: Nachrichten von Gelehrten, Künstlern und anderen merkwürdigen Personen aus Ulm. 2 Bde. Ulm 1798-1829, Bd. 2, S. 534-536.

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Humanistisch-medizinische Sammelhandschrift aus Strälers Besitz mit seinem Wappen (1493).
Quelle: Augsburg, SStB, 4° Cod. 121, Bl. 61v

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Stuttgart, Württ. LB, HB XV 65
Marsilio Ficino: De comparatione solis ad deum (1492)
Quelle: Württemberg im Spätmittelalter. Katalog bearb. von J. Fischer, P. Amelung u. W. Irtenkauf, Stuttgart 1985, S. 132, Abb. 45.

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Johannes Streler: Antiquitates urbis Romae ac ceterorum locorum
Quelle: Darmstadt, ULB, Hs. 2533, Bl. 105r.

Version vom 12. 12. 2012 (MRFH). Permanent Link: mrfh.de/2560.