MR Übersetzungsliteratur
im dt. Frühhumanismus

MRFHMarburger Repertorium zur
Übersetzungsliteratur im deutschen Frühhumanismus

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Jodocus Gallus

Jodocus Gallus wurde 1459 als eines von 17 Kindern des Schweizer Flickschneiders Johann Galtz im oberelsässischen Ruffach geboren. Seine erste Bildung erhielt er an franziskanischen Klosterschulen und der Lateinschule in Schlettstadt, wo er u.a. von Ludwig Dringenberg und Jakob Wimpfeling unterrichtet wurde.

Über ein Stipendium der Minoriten in Basel immatrikulierte sich Gallus am 22. Oktober 1476 an der Universität Heidelberg. Auch hier genoss er den Unterricht Wimpfelings, legte 1478 an der Artistenfakultät das Bakkalaureat und 1480 das Licenciatus artium ab. Gallus lehrte in Heidelberg und war 1484/85 Dekan der Artistenfakultät. Hier las er u.a. über Ciceros 'De officiis', worüber ein Eintrag in einem Heidelberger Studentenexemplar einer 1484 in Venedig gedruckten Cicero-Ausgabe (Heidelberg, UB, Cod. Heid. 370,284, Venedig, 1484) informiert. 1492 wurde er Rektor der Heidelberger Universität; ab 1487 hatte er zudem Kollegiatpfründe an Heilig Geist in Heidelberg. Daneben sind auch Kontakte zum Heidelberger Hof nachgewiesen. So begleitete er 1494 Kurprinz Ludwig V. von der Pfalz in ein Feldlager.

Nach der Übernahme der Pfarrei Neckarsteinach (1493) wurde er Kanoniker am Chorherrenstift in Sinsheim (1496) und in Speyer an St. Germanus u. Mauritius (1498), wo er in demselben Jahr auch die Nachfolge Wimpfelings als Speyerer Domprediger antrat. Als bischöflicher Rat nahm er in Vertretung des Bistums 1501 an der Kölner Synode teil. Am 21. März 1517 starb Gallus in Speyer.

Gallus war eng mit dem südwestdeutschen Humanismus verknüpft. Er gehörte zum engeren Kreis der 1495 von Konrad Celtis initiierten Sodalitas litteraria Rhenana in Heidelberg, zu deren Mitgliedern (u.a. zu Trithemius, Jakob Wimpfeling und Johann Reuchlin) er freundschaftliche Kontakte unterhielt. Mit seinem langjährigen Lehrer Wimpfeling unternahm er noch 1511 eine gemeinsame Reise nach Rufach und zu den Klöstern Murbach und Marbach. In demselben Jahr widmete Jacobus Montanus ihm und Wimpfeling seinen 'Fasciculus myrrhae'; auch Johann Adelphus Muling und Johannes Cuno dedizierten ihm Schriften.

Als Autor trat Gallus vor allem mit Reden, Predigten und Traktaten hervor. Trithemius erwähnt zudem carmina et epigrammata diuersi generis multa, von denen sich jedoch nur wenige erhalten haben. In deutscher Sprache verfasste Gallus ein Andachtsbuch (Eyn ewangelisch Abc), das 1517 von dem mit ihm befreundete Jakob Köbel in Oppenheim verlegt wurde (VD16 J 309). Auch als Herausgeber, u.a. von Wimpfelings 'Laudes ecclesie Spirensis', die er mit einer Widmung an den Autor 1486 zum Druck brachte, betätigte sich Gallus gelegentlich.

Von seiner umfangreichen Bibliothek, in der sich viele ihm persönlich gewidmete Werke befreundeter Humanisten befanden, hat sich kaum etwas erhalten. ERICH Kleinschmidt (Sp. 864) war 2008 nur eine Handschrift (Colmar, Bibl. mun., Ms. 138) aus seinem Besitz bekannt, das Marburger Repertorium kann jetzt noch einen weiteren Band aus der Bibliothek des Jodocus Gallus nachweisen, die Colmarer Handschrift Ms. 619, die beigebunden u.a. auch Inkunabeln mit Wimpfelings Schrift 'De conceptu et triplici candore B. Mariae Virginis' (Speyer, Konrad Hist, 1493) und die lat.-dt. Ausgabe von Sebastian Brants 'Thesmophagia' (Basel, Michael Furter, 1490 = MRFH 21285) enthält.

Hauptquelle: Erich Kleinschmidt. In: VL Deutscher Humanismus 1 (2008).
Verf.: js / cbk.

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Literatur:

Blundo, G.: Gallus Rubiacensis, Jodokus (Jost Hahn). In: NDB 6 (1964), S. 55.
Drüll, D.: Heidelberger Gelehrtenlexikon 1386-1651. Berlin u.a. 2002, S. 263f.
Hartfelder, K.: Zur Gelehrtengeschichte Heidelbergs am Ende des Mittelalters. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 45, NF 6 (1891), S. 141-171, insb. S. 163-168.
Kleinschmidt, E.: Gallus (Galtz, Gallicus), Jodocus (Jost von Ruffach). In: VL Deutscher Humanismus 1 (2008), Sp. 862-870.
Pfleger, L.: Eine unbekannte deutsche Druckschrift des elsässischen Humanisten Jodocus Gallus. In: Anzeiger für Elsässische Altertumskunde 2 (1913-1917), S. 826-828.
Schmidt, C.: Histoire littéraire de l'Alsace à la fin du XVe et au commencement du XVIe siècle. 2 Bde. Paris 1879 (Nachdruck Hildesheim 1966), II, S. 40-46.

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Quelle: Cicero: De officiis; Venedig: Bernardinus Rizus und Bernardinus Celerius, 12. Okt. 1484 = GW 6954; Heidelberg, UB, Cod. Heid. 370,284, Bl. 1a.

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Quelle: Jodocus Gallus: Mensa philosophica mit Brief an Jakob Köbel, Heidelberg 28. 3. 1489; Heidelberg: [Heinrich Knoblochtzer für] Jakob Köbel, [nach 28. März] 1489 = GW M22814; Ex. München, BSB, 4 Inc.s.a. 1449 b, Bl. 1b.

Version vom 04. 06. 2012 (MRFH). Permanent Link: mrfh.de/0670.